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Werkstattbuch Zerlegter Sessel mit abgenommenem Bezug auf dem Polsterbock

Sessel aus den Sechzigern

Ungefähr jeder dritte Auftrag, der bei uns hereinkommt, ist zwischen 1960 und 1972 gebaut worden. Das hat einen einfachen Grund: das sind die letzten Möbel, bei denen sich der Aufwand fast immer rechnet, und die ersten, die alt genug sind, um kaputtzugehen.

Was folgt, ist kein Loblied auf früher. Auch in den Sechzigern wurde Mist gebaut. Aber der Anteil an Gestellen, die einen dritten Bezug aushalten, ist in diesen zwölf Jahren höher als in jedem Jahrzehnt danach.

Ausgeleierter Gurtboden von unten

Was unter dem Bezug fehlt

Bei fast jedem dieser Sessel ist der Gurtboden das Problem, nicht der Stoff. Gummigurte werden hart und reißen, Jutegurte längen sich. Acht Zentimeter Durchhang sind nach sechzig Jahren normal, und genau die sitzen Sie als Mulde.

Das Zweite ist der Schaum. Der frühe Polyätherschaum der Sechziger zerfällt zu Krümeln und riecht dabei säuerlich — wer diesen Geruch einmal kennt, erkennt ihn beim Öffnen sofort. Federkerne dagegen, wo vorhanden, sind meist noch völlig in Ordnung und bleiben drin.

Die Leute bringen einen Sessel, weil der Stoff hässlich ist. Kaputt ist meistens etwas anderes.Was wir in dreizehn Jahren ungefähr zweitausendmal erklärt haben
Fertig bezogener Sessel im Werkstattlicht

Woran man ein gutes Gestell erkennt

Drehen Sie den Sessel um. Sehen Sie Vollholz mit sichtbaren Zapfen oder gedübelten Verbindungen, ist es gut. Sehen Sie eine glatte Platte mit Furnier und eingeschossenen Klammern, ist es das nicht.

Der zweite Test ist das Kippeln: ein gesundes Gestell knarrt nicht und federt nicht seitlich. Und der dritte: Gewicht. Ein Teaksessel von 1967 wiegt spürbar mehr als sein Nachbau von 2004, obwohl er kleiner aussieht.

Vier Gruppen, ehrlich sortiert

Ohne Markennamen, weil dieselbe Marke in zwei Jahrzehnten zwei völlig verschiedene Dinge gebaut hat. Es zählt, was unter der Sitzfläche steckt.

Dänische Teakgestellelohnt fast immerZapfen statt Dübel, geölt statt lackiert. Wenn das Holz wackelt, liegt es am Leim, nicht am Bau. Zwei bis drei Bezüge halten diese Stücke problemlos aus.
DDR-Sessel aus Waldheim oder Helleraulohnt meistensBuche, solide verarbeitet, oft mit originalem Gurtband. Den Stoff bekommt man selten in derselben Optik zurück, aber das Gestell ist besser als der Ruf.
Lizenzbauten der Siebzigerkommt darauf anHäufig schon Spanplatte in der Rückenlehne. Wir schauen unter die Sitzfläche: sieht man Pressspan mit Furnier, wird es teuer im Verhältnis zum Wert.
Nachbauten ab 1995lohnt seltenVerleimtes Sperrholz, eingeschossene Klammern, Schaum direkt auf der Platte. Die Neupolsterung kostet mehr als der Neupreis, und wir sagen es Ihnen ungefragt.

Wenn Sie unsicher sind

Schicken Sie ein Foto von unten. Das ist das einzige Bild, das wirklich etwas verrät, und es dauert zehn Sekunden: Sessel kippen, Blitz aus, Fenster im Rücken.

Ein Sessel dieser Bauart kostet bei uns ab 590 € Arbeit, plus 3 bis 5 Meter Stoff. Kommt der Gurtboden dazu — und er kommt bei jedem zweiten dazu — sind es 120 € mehr. Danach steht er wieder zwanzig Jahre.

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